Neue Taekwon-Do Technik der ITF seit ca. 1990

Taekwon-Do habe ich in den 70iger Jahren als begeisternden, dynamischen Kampfsport kennengelernt. In den Folgejahren wurde er „weiterentwickelt“ und hat auch z.B. das klassische Kick-Boxen mit geprägt.
Anfang der 90iger Jahre kam dann eine grundlegende Veränderung der Ausführungsweisen insbesondere von Handtechniken aus der ITF Zentrale, die gar nicht so neu war, wie viele glaubten (vergleiche Taekwon-Do Veröffentlichungen aus den 70igern in Englisch und das Buch „Taekwon-Do“ von Choi Hong Hi mit der Übersetzung ins Deutsche aus dem Sport Rhode Verlag 1977).

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Mitte der 90iger kamen die neuen Ausführungsweisen und Bewegungsanleitungen dann doch mit starken Veränderungen in die Praxis. Wenn man noch gehofft hatte, daß alles „nicht so heiß gegessen wird wie gekocht“, wurden die Befürchtungen noch übertroffen.
Unter dem Stichwort der sogenannten „Sinuswelle“ wurde das Körpergewicht als Kraftquelle stärker betont. Es sollte, in der Bewegung sowieso, und auch bei zwei und mehr Techniken im Stand in die Technik hineinfallen. Hierzu wurden im Stand Extrabewegungen des gesamten Körpers (Senken, Anheben und wieder Senken des Körpergewichtes) eingeführt.

An diesem Punkt schieden sich die Geister; wer ITF-Taekwon-Do gemacht hat, übernahm dieses neue Bewegungsmuster zeitgleich mit der Umbenennung der Hyongs in Tul (wohl um der Einheitlichkeit Willen).

Seit dem Tod von Taekwon-Do Begründer Choi Hong Hi gab es leider weitere Aufspaltungen des ITF-Taekwon-Do und einhergehend damit weitere gravierende Veränderungen, die zu erneuter größer werdenden Uneinheitlichkeit führten.

Hier geht es nicht darum, wie etwas speziell definiert wird; das lässt sich ohne große Probleme übernehmen und die Einheitlichkeit so erhalten (z.B. Angriff- und Abwehrstufen).
Schwieriger wird es bei elementaren, kampfkunst- und kampfstilübergreifenden allgemeingültigen Kriterien, die verändert wurden.

Hier setzt die vorliegende Technikkritik an, entstanden aus der Gefahr, sich mit diesem Taekwon-Do in der Kampfkunstwelt weitgehend zu isolieren.

  • Häufige Veränderung der Ausholbewegungen
  • Veränderung des Beckeneinsatzes bis hin zur Abschaffung und Wiedereinführung
  • „Künstliche“ Atmung abweichend von bisher anerkannten Atemtechniken
  • Entspannungsbewegungen mit eigener Bewegungsvorschrift zusätzlich zum Ausholen
  • Heben des Fußes kurz vor Ende von Schritten und wieder Aufsetzen als Ganzes („Patschen“)
  • Häufige Rhythmusveränderungen bei TUL/Hyong
  • Generelle Übertreibung von Entspannung und Ausholbewegung sowie verschiedener Bewegungsvorschriften
  • Weniger Sportlichkeit zugunsten gesundheitsbewußter Bewegungen/Ausführungsweisen
  • Entfernung von den realen Situationen Wettkampf und/oder Selbstverteidigung/Bruchtest

Aufzählen möchte ich auch einige Vorteile der Entwicklungen in den letzten Jahren:

  • Extreme, langfristig ungesunde Bewegungen/Ausführungsweisen entschärft/abgeschafft
  • Systematisierung und Vereinheitlichung der Bewegungen und Interpretationen (z.B. Theorie)
  • Ausführliche Dokumentation und Beschreibung des TKD in Büchern und Filmen
  • Anpassung der Trainingsmethoden und Trainingsinhalte an moderne Erkenntnisse
  • Weiterentwicklung durch Eingliederung neuer Techniken und Trainingsdisziplinen
  •  Eigenständige/charakteristische Optik bei Taekwon-Do-Techniken und Übungen (insbesondere TUL)
  • Taekwon-Do als Breiten-/Volkssport und Gesundheitssport salonfähig
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Konkretisierung der Technikkritik:

  • Die Ausholbewegungen, deren Sinn zweifelhaft ist, haben sich über die Jahre verändert. Ausholen als Form des bewußten Einübens von Grundtechniken kann nützlich sein, muß dann aber in Kampf- und SV-Situationen anders ausgeführt werden. Sinnvoller wäre es, die Techniken so zu gestalten, daß sie auch weitgehend unverändert im Wettkampf und bei SV angewendet werden können. Die Veränderungen stellen eine zusätzliche Erschwernis dar.
  • Die nahezu vollständige Abschaffung des Beckeneinsatzes vor einigen Jahren im Bereich der ITF um Tran Trijeu raubte den Taekwon-Do-Techniken eine der wichtigsten Kraftquellen. Gerade das Versprechen, daß normale, nicht besonders kräftige Menschen durch bzw. mit Taekwon-Do –Techniken eine große Durchschlagskraft erreichen, wurde so ausgehebelt. Der Ersatz für die Vorspannungs- und Rotationskräfte bei Beckeneinsatz, nämlich das Hineinfallen des Körpergewichtes in die Technik nach Entspannung und Wellenbewegung (vor allem bei Doppeltechniken im Stand) funktioniert dann bei leichten Menschen kaum noch. Noch schwieriger ist es, wenn der Beckeneinsatz wieder eingeführt und dann sogar noch stärker betont wird (bei Choi Jung Hwa) in Form einer lange verzögerten und dann betonten schnellen, ruckartigen Beckenbewegung. Das entsprechende Umlernen, das mit längerer Verzögerung bis zur Basis dringt, stellt für Lehrer und Schüler dann ein großes Problem dar.
  • Die sogenannte „künstliche Atmung“, die in weiten Teilen des ITF-Taekwon-Do eingeführt und praktiziert wurde, stellt die elementarsten Grundsätze der Kampfkunst auf den Kopf. Zu Recht wird die Atmung in der gesamten Kampfkunstliteratur als eine wichtige Energie-und Kraftquelle beschrieben. Es gibt unterschiedliche Atemtechniken für unterschiedliche Zwecke und Anforderungen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob man den Atem fließen lässt (wie bei Stretching und bei Schlägen/Tritten) oder stoppt bzw. presst (große, kurze Kraftanstrengung z.B. beim Gewichtheben). Weiter kann man unterscheiden in Zwerchfellatmung und Brustatmung.
In den Kampfkünsten war es bisher eindeutig so, daß die Zwerchfellatmung propagiert wurde (vgl. Hara als Kraftquelle). Dabei wird der Atem vom Zwerchfell , also aus dem Bauch heraus, angepasst an die Bewegung (schnell, explosiv oder langsam) in Gang gesetzt und mit dem abrupten Ende der Bewegung ebenfalls kurz gestoppt bzw. der (Aus-)Atemvorgang beendet. Die Restmenge Atem in der Lunge sollte nicht zu groß sein, weil dadurch irgendwann zu viel verbrauchte Luft sich dort gesammelt hat (vergleichbar der Schockatmung bzw. dem Hyperventilieren).
Wenn man jetzt die vorgesehene sogenannte „künstliche Atmung“ praktiziert, kommt die Atmung nicht mehr aus dem Bauch und auch nicht aus dem Brustraum sondern vom Rachen und Kehlkopf aus (man erzeugt dabei ein Geräusch, daß sich wie Atmung anhört). Auf diese Weise gelangt zu wenig Luft bei den einzelnen Atmungen nach draußen, so daß nach einigen Techniken man erst mal mehrfach durchatmen muss. Auf jeden Fall ist der Atemrhythmus nicht harmonisch mit den Techniken und Bewegungen (die z.B. bei Kicks lang sind während die künstliche Atmung immer kurz und abgehackt ist).
Der vermeintliche Vorteil der künstlichen Atmung, daß der Gegner nicht bemerken soll, wann man erschöpft ist u.ä., wiegt die Nachteile keinesfalls auf.
  • Entspannungsbewegungen mit eigener Bewegungsvorschrift lassen sich kaum durch Vorteile begründen. Man kann sich auch entspannen, ohne daß es optisch so deutlich sichtbar werden muss wie es mittlerweile teilweise gezeigt wird. Zu der zweifelhaften Ausholbewegung kommt nun noch die Entspannungsbewegung hinzu und macht die Abläufe insgesamt langsam und vom Effektivitäts- und Realitätsaspekt her fragwürdig. Da werden mehr und mehr teilweise komplizierte Bewegungsabläufe gelehrt, die reiner Selbstzweck sind, und von anderen wesentlichen Aspekten (Explosivität, Sportlichkeit u.ä.)wegführen. Die Trainingsenergie und –zeit geht dann zu großen Teilen in die Perfektionierung dieser Abläufe.
  • Nach den gravierenden Umstellungen auf die neuen Bewegungsformen entstand eine Ablehnung gegen ständige weitere Veränderungen und Modifizierungen, wie sie über Jahre auf Lehrgängen immer wieder präsentiert wurden. Vieles waren keine wirklichen Veränderungen oder Neuerungen; aber das Vorwärtsgehen bei den Sportlern um Choi Jung Hwa ist wirklich eine schwer nachzuvollziehende Neuinterpretation in den 2010ern. Beim Vorgehen in Gunnun-Sogi z.B. verlässt der sich bewegende Fuß den Boden und wird kurz vor Einnehmen der Endposition noch einmal kurz angehoben, um dann patschend aufgesetzt zu werden. Auch hier entfernt man sich von allgemein gültigen Kampfkunstgrundsätzen. Wenn man nämlich den Fuß nahe über dem Boden führt (mit Kontakt oder so, daß nur ein Papier drunter passt) ist man schneller und kann bis kurz vor Einnehmen der Endposition noch variieren (z.B. den vorgehenden Fuß wieder zurückholen). Wenn man in die Stellung hineinfällt dauert es auch länger bevor man weitere Bewegungen machen kann. Wenn man sich diese Art des Vorwärtsgehens im Kampf vorstellt, wird die Realitätsferne deutlich ohne, daß dabei ein Vorteil zu erkennen wäre.
  • Die Art und Weise wie TUL vorzuführen ist, hat sich in den Jahren immer wieder gewandelt. Mal wurden sie hastig, dann roboterhaft vorgetragen, mal wurde erst die Fußstellung fest eingenommen und dann die Technik eingerastet und jetzt soll das gleichzeitig geschehen usw. Dies sind Änderungen, die der Einheitlichkeit wegen nachvollzogen werden können; allerdings geht dort auch viel Trainingsenergie hinein, die woanders (z.B. Turnierkampf) verloren geht.
  • Ein großes Problem ist m.E. die starke Übertreibung bei Entspannungsbewegungen, Ausholbewegungen und sonstigen Bewegungsvorgaben bzw. die Formulierung von detaillierten Vorgaben bei Bewegungen, die keine Techniken im eigentlichen Sinne sind.
    Während früher beim Fauststoß die Faust des Schwungarmes am Becken blieb soll sie nun als Zeichen der Entspannung sich vom Becken lösen wieder zurück zum Becken als Ausholbewegung und dann nach vorn schnellen. Inzwischen wird das Lösen der Faust vom Becken (also die Entspannung) soweit übertrieben, daß sie nach vorn geht bis das Ellenbogengelenk am Beckenknochen ist und wird dann wieder zurückgeführt. Dabei vollführt die Faust anschließend häufig noch einen Bogen bzw. eine kreisende Bewegung. Ganz kritisch wird es, wenn im Zuge dieser kreisenden Bewegung der Faust ein großer Höhenunterschied entsteht. Das führt häufig dazu, daß die Faust bis auf Brusthöhe gehoben wird, bevor man den Stoß ausführt.
  • Die oben beschriebenen Veränderungen und Verfeinerungen haben über die Jahre dazu geführt, daß beim Training in den gewöhnlichen Sportgruppen mit maximal zwei Trainingseinheiten pro Woche mehr und mehr die Sportlichkeit, Athletik des Taekwon-Do zugunsten der korrekten Ausführung von definierten Bewegungen und Abläufen verloren geht. Der Zeitaufwand für das Erlernen und Üben von Entspannungs- und Ausholbewegungen und z.B. speziellen Details in den Tul lässt weniger Raum für konditions- und fitnessorientiertes Training wie Sprünge, Kombinationen und Freikampf.
  • Das moderne Taekwon-Do und die Taekwon-Do-Grund-Technik entfernt sich bei Fortsetzung der bisherigen Entwicklung mehr und mehr vom ursprünglichen Zweck und Ziel einer Kampfkunst wie z.B. Körperbeherrschung, Selbstverteidigung und Freikampf.
Beim Wettkampfsport wäre eine Trennung in Grundtechnik und Wettkampftechnik noch nachzuvollziehen, weniger aber bei Selbstverteidigung, und Bruchtest. Ein Bruchtest mit Entspannung, Wellenbewegung im Stand und anschließender Technik ist schwer vorzustellen bzw. erschwert diesen auf jeden Fall.
    Selbstverteidigung kann mit klassischen Grundtechniken aus den Tul durchaus effektiv sein. Auch hier ist die Vorstellung, daß dies mit Entspannung, Ausholen und Wellenbebwegung im Stand dann funktioniert schwierig…..(wird ggf. aktualisiert bzw. fortgesetzt).

Wilfried Peters, 6.Dan Taekwon-Do

1 Kommentar

  1. Johne510 Johne510
    15. März 2016    

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