Gewalt im Sport

Gewalt im Sport am Beispiel von Taekwon-Do/Karate (Peters 1992/2014)

(Basis: Hausarbeit im Grundstudium Lehramt Sport Universität Dortmund 22.4.1992)

Vorbemerkungen

Im Rahmen des Proseminares „Einführung in die Sportsoziologie“ bin ich über die Fragestellung „Fairness im Sport“ und Aggression im Sport“ zu dieser Arbeit motiviert worden.

Von der Frage, ob Aggression durch Sport verstärkt oder abgebaut werden kann (oder sogar unbeeinflusst bleibt) bin ich als aktiver Kampfsportler besonders betroffen.

Der Kampfsport, der zu einem großen Teil aus aggressiven Handlungen besteht, rechtfertigt sich gern durch die Postulierung hehrer (Erziehungs-) Ziele.

Als Kampfsportler interessiert mich, wie ist die Aggression des Kampfsportes im Zusammenhang zu anderen Sportarten und wie ist Aggression allgemein zu beurteilen?

Als Lehramtsstudent interessiert mich, was für Bildungsziele hat der Sport und insbesondere der Kampfsport (der an Schulen mittlerweile auch unterrichtet wird) und wie sollen sie umgesetzt werden?

Gliederung

Titelblatt
Vorbemerkungen
Gliederung

0 Einleitung
1 Abriss und Überblick zu Theorien über Aggression
1.1 Abriss und Überblick zur Aggressionsforschung
2 Begriffsdefinition Aggression und Gewalt
3 Aggression und Gewalt im Sport
3.1 Sportarten, Kampfsportarten und Gewalt
4 Gewalt im Karate
4.1 Geschichte des Karate
4.2 Erziehungsziele und Philosophie des Karate
4.3 Erscheinungsbild des Karate
4.4. Organisation des Karate
4.5. Praxis des Karate
4.6 Karate als Therapie
4.7 Wer macht Karate, warum?
5 Gewalt, Sport, Kampfsport in unserer Gesellschaft (Fazit)

Literatur- und Quellenverzeichnis

0 Einleitung

Die Bewertung der Aggression ist beeinflusst vom Menschenbild und dem wissenschaftlichen Hintergrund der Betrachtung. Hierauf möchte ich nur in einem Überblick eingehen.

Einige Gedanken zur Aggression und eine Begriffsbestimmung für die Verwendung in dieser Arbeit sind nötig, da der Aggressionsbegriff eng mit (Kampf-)Sport verbunden ist.

Wer Aggression als positiv (im Sinne von Kraft, Lebenswille u.ä.) beurteilt, wir auch (Sport sowieso) Kampfsport entsprechend sehen.

Für jemanden, der Aggression nur als zerstörerisch und menschenfeindlich sieht, stellt sich die Frage, ob Sport einen Katharsiseffekt haben kann, oder ob er (und insbesondere der Kampfsport) Aggression verstärkt bzw. erst weckt.

Weiter ist zu überlegen, inwieweit Kampfsport mit anderen Sportarten zu vergleichen und zu beurteilen ist.

Dies sind ganz wesentliche Fragen mit weitreichenden Konsequenzen. Man bedenke, welche Dimensionen der Sport als Wirtschaftsgröße und Machtfaktor bereits erreicht hat.

Ebenso sind dies für das gesamte Erziehungs- und Bildungssystem (Schulen, Jugendpflege, vereine und Verbände), die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, existenzielle Überlegungen. So gibt es im gesamten institutionellen erziehungs- und Bildungsbereich auch sehr unterschiedliche Strömungen vom (Jugend-) Hochleistungssport bis zur Ablehnung des Sportes überhaupt.

Was Sport ist, was Aggression sein kann, was Kampfsport ist, möchte ich in dieser Arbeit betrachten und dann den Kampfsport vor dem Hintergrund seiner (Erziehungs-)Ziele prüfen und praktische Konsequenzen ableiten sowie kritische Anmerkungen zur Sportpraxis in der Gesellschaft machen.

1 Abriss und Überblick zu Theorien über Aggression

Die Beurteilung von Aggression ist abhängig vom wissenschaftlichen Standpunkt. In dieser Arbeit möchte ich nicht näher auf die Theorien zu Aggression, deren Ursprung und Entstehung, eingehen. Hierzu gibt es zahlreiche Veröffentlichungen in Verbindung mit den verschiedenen wissenschaftlichen Positionen, wobei sich keine eindeutig durchgesetzt hat.

So kann man je nach persönlicher Einstellung zum Sport mit einer entsprechenden Theorie zur Begründung der eigenen Meinung aufwarten.

Sportbefürworter berufen sich auf das Freud’sche Triebkonzept, nach dem ein gewisses aggressives Grundpotenzial vorhanden bzw. bzw. nahezu zwangsläufig im Alltag geweckt wird (Frustrations-Aggressions-Modell). In diesem Zusammenhang wird dem Sport eine entsprechende kathartische Wirkung (d.h. Aggressionsabbau durch Zuschauen oder Ausführen aggressiver Handlungen bzw. Bewegung)zugerechnet.

Der Katharsisbegriff stammt ursprünglich aus der Welt des Theaters (Zuschauerkatharsis). Er geht zurück auf den griechischen Philosophen Aristoteles, der ihn im Zusammenhang mit der Wirkung der antiken Tragödie auf den Zuschauer prägte.

Sportkritiker gründen ihre Argumente auf den Lerntheoretischen Ansatz, was bedeutet, daß Aggression durch aggressive Handlungen, die zur Problemlösung beitragen bzw. positiv sanktioniert werden, eingeübt bzw. gelernt wird. In diesem Fall ist der Sport gesellschaftlich kulturelles Lernfeld, in dem Aggressivität praktiziert und als Kulturgut vermittelt wird.

Entsprechend ist die Befürwortung bzw. Ablehnung von Kampfsport, der in klassischer Form aggressive Handlungen enthält. An anderer Stelle bleibt noch zu untersuchen, wie aggressiv Kampfsport im Vergleich zu anderen Sportarten ist.

1.1 Abriss und Überblick zur Aggressionsforschung

Konsens besteht allgemein darüber, daß monokausale Theorien nicht zur Erklärung ausreichen. Es gibt neue, vielschichtige Erklärungsversuche zum Phänomen Aggression, deren Behandlung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Auch auf empirischem Wege wurde und wird versucht, Aggression zu erfassen. In den letzten 60iger bis Anfang der 70iger Jahre wurden viele wissenschaftliche Untersuchungen erstellt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Mängel der Forschungen selber bzw. unterschiedliche wissenschaftliche Grundhaltungen sind eine Erklärung dafür.

In den letzten Jahren hat sich dieses ständige Hin und Her besonders zwischen Bejahung und Verneinung einer kathartischen Wirkung des Sportes (die Katharsisthese besagt ursprünglich, daß Aggressionen der Zuschauer durch Darstellung von Gewalt, bei der das „Gute“ das „Böse“ besiegt, abreagiert werden können) totgelaufen. Es gab kaum noch Forschungen in dieser Richtung.

Dennoch soll eine neuere Untersuchung als Einstieg in die Fragestellung dienen.

An der Ruhruniversität Bochum kam der Diplom-Psychologe Haymo Bönke zu dem Ergebnis, daß von 38 Personen (hauptsächlich Männer) die meisten nach dem Anschauen eines klassischen Theaterstücks weniger Aggressionswerte in ca. 55 Tests erreichten als vorher (vgl. Artikel „Forscher als der Forscher“ in Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 3 vom 17.1.1992).

Dies wäre ein Ergebnis, was als Konsequenz bedeuten könnte, daß man mit Gewaltdarstellungen Aggressionen abbauen kann. Hier zeigt sich, daß eine differenzierte Betrachtung für eine geeignete Fragestellung notwendig ist.

2 Begriffsdefinitionen Aggression und Gewalt

Zunächst einige Gedanken zu den Begriffen Aggression und Gewalt (die meistens synonym gebraucht werden).

Aggression nach dem lateinischen aggredi = hinzugehen, angreifen (vgl. „Fremdwörterlexikon“, Bertelsmann 1974) bedeutet, jemandem Schaden zufügen bzw. einschüchtern. In der Forschung wird der Begriff wesentlich umfassender und abstrakter verwendet als der lateinische Ursprung vermuten lässt.

Selg, H. definiert in „Diagnostik der Aggressivität“, Göttingen 1968 S. 15 nach Buss, A.H. „The Psychology of aggression“, London, New York 1961 S 1 ff:

Aggression wird definiert als ein Verhalten, das einem anderen Organismus Schaden zufügt“.

Aggression aus der Sicht des „Opfers“ und der Sicht des Aggressors sind zu unterscheiden. Auch die Beurteilung, ob ein Schaden entstanden oder beabsichtigt ist, macht den Sachverhalt kompliziert. Liegt Aggression vor, nur, wenn Vorsatz bzw. Inkaufnahme einer Schädigung gegeben ist? Hinzu kommt die Beurteilung durch Außenstehende wie z.B. ein Beobachter. Die Absicht ist kaum messbar. Das bedeutet, daß Forschungen mit wissenschaftlichem Anspruch zur Absicht wenig sagen könne, da sie nur operationale Faktoren, also messbares, beobachtbares und klassifiziertes handeln berücksichtigt, welches durch einen Außenstehenden gemessen wird.

Aggression kann sehr vielfältig und oft nicht messbar in Erscheinung treten bzw. klassifiziert werden:

offene (sichtbare)

verdeckte (indirekte, phantasierte, unterschwellige)

körperliche

psychische

gegen andere gerichtete

gegen sich selbst gerichtete

Es gibt etliche unterschiedliche Definitionen zur Aggression, deren Hauptgemeinsamkeit die Absicht oder Inkaufnahme einer Schädigung ist.

Zu Recht resümieren Pilz, G. und Trebels, A. in „Aggression und Konflikt im Sport“, Ahrensburg S 40:

„…daß monokausale Erklärungsansätze nicht in der Lage sind, das Gesamtphänomen aggressiven Verhaltens zu erfassen.“

Die Autoren halten eine Interpretation der Erkenntnisse der verschiedensten Wissenschaften für notwendig, um der Fragestellung gerecht zu werden. Dies würde in der vorliegenden Arbeit sicherlich zu weit führen.

Den Begriff Gewalt, der mit Aggression meistens synonym gebraucht wird, möchte ich ebenfalls kurz betrachten. Er enthält (vgl. „Duden“ Band 1, Mannheim 1980) das Wort „walten“ (schalten und walten, verwalten, Gerechtigkeit oder Gnade walten lassen). Gewalt erscheint mir eher als ein Hilfsmittel, eine Folge ggf. von Aggression. Es gibt auch Gewalt, die von Gegenständen ausgeht (gewaltiger Berg) und die sogenannten Naturgewalten. Diese können auf den Menschen so wirken, als ob sie einer Aggression entspringen (Götterglaube).

Aggression ist etwas, das vom Aggressor ausgeht, in ihm stattfindet. Gewalt ist mehr die Wirkung oder erscheinungsweise auf einen anderen. Gewalt dient mehr einem übergeordneten zweck, ziel wie z.B. Polizeigewalt, während Aggression konkreter gegen etwas ggf. direkt gerichtet ist.

3 Aggression und Gewalt im Sport

Die Gedanken der Aggressionsforschung lassen sich auch auf den Sport übertragen. Der Sport ist ein gesellschaftlich kulturelles Phänomen, das nicht hiervon isoliert gesehen werden kann. Innerhalb des Sportes gibt es Eigengesetzlichkeiten, die eine nähere Begriffsbestimmung für Aggression im Sport erforderlich machen.

Man überlege sich, daß eine sportliche Aktion wie z.B. Bodycheck, Boxschlag, Blutgrätsche, rempeln, schieben, schubsen, festhalten, anschreien usw. im Alltag durchaus als Straftatbestand zu einer Verurteilung wegen Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung oder Beleidigung ausreichen könnten. Im Sport sind dies übliche und (je nach Regeln) erlaubte, ja sogar notwenige Handlungen.

Diejenigen, die den Sport ablehnen, akzeptieren diese Definitionserweiterung von Aggression nicht und urteilen nach üblichen Kriterien.
Der Sport ist also ein Raum, wo der aggressionsbegriff genauer bestimmt werden muss wie z.B. nach Gabler, H. „Aggressive Handlungen im Sport“, Schorndorf 1976:

„…wenn eine Person in Abweichung von sportlichen Normen mit dieser Handlung intendiert, einer anderen Person Schaden im Sinne einer personalen Schädigung zuzufügen…“

Diese Normen, also die Regeln der einzelnen Sportarten, sind sehr unterschiedlich vor allem in Bezug auf Inkaufnahme und Ermöglichung von Gewalt.

Platzbecker unterscheidet in „Die Psychologie des Leistungssportlers“ in „Sportarzt und Sportmedizin“ 17 1966, 3, Seite 100:

a)Direkt-aggressive Sportarten (z.B. Boxen, ringen, fechten, Mannschaftspiele wie Fussball, Rugby, Hockey), in denen noch unmittelbare Kämpfe gegeneinander stattfinden, und das Streben nach Macht noch ganz vordergründig ist…

b)Sportarten, bei denen direkte Wettkämpfe stattfinden, und bei denen das Streben nach Anerkennung vorherrschend wird wie Laufen, Schwimmen usw….

c)Sportarten, bei denen der direkte Wettkampf, d.h. ein Leistungsvergleich nach punkten erfolgt (z.B. Turnen, Eiskunstlauf). Aggressionen sind hier nicht mehr klar erkennbar, sondern auf höherer Ebene sublimiert.“

Die Darstellung dieser Gedanken soll zur Hinführung auf die Fragestellung dienen und nicht weiter ausgeführt werden.

Aus der Besonderheit des Sportes ergibt sich die grundsätzliche Frage, ob Sportler anders sind als Nichtsportler, ob vom Sport eine nachweisbar prägende Wirkung ausgeht und ob speziell der Kampfsport eine spezifisch prägende Wirkung auf den Menschen hat. Bei der Untersuchung des Kampfsportes kommt man möglicherweise eher zu nachweisbaren Ergebnissen, da er in gewisser Weise ein Extrem im Sport darstellt.

Von der grundsätzlichen Frage, ob Sportler anders sind als Nichtsportler; ob vom Sport eine nachweisbar prägende Wirkung ausgeht, kann man die Frage ableiten, ob speziell der Kampfsport eine spezifisch prägende Wirkung auf den Menschen hat. Insbesondere findet Gewalt als hervorstechendes Merkmal (äußerlich sichtbar) von Kampfsport Beachtung.

Im folgenden verwende ich den Begriff „Gewalt“ als äußeres Erscheinungsbild von (möglicherweise) Aggression, denn über die inneren Vorgänge i.B. auf Aggression ist die Forschung nicht einig.

3.1 Sportarten, kampfsportarten und Gewalt

Auf den ersten Blick erscheint die Klassifizierung klar: „Spiel“-Sport steht als normaler Sport dem Kampfsport gegenüber. Auf den zweiten Blick sieht man die Vielschichtigkeit des Sportes und die Überschneidungen.

Schon bei der Frage, was Sport ist, entstehen Zuordnungsschwierigkeiten. Man unterscheidet:

Schulsport

Vereinssport

Freizeitsport

und

Breitensport

Leistungssport

Hochleistungssport

Sport kann als Gegensatz zu Spiel gesehen werden. Auch die Vielfalt der sogenannten Sportarten gilt es zu bedenken. Ist Schach oder Schießen eine Sportart; ist das Sport?

Die sogenannten Kampfsportarten bezeichnen sich auch gern als Kampfkunst oder sogar Kriegskunst.

Hier wird deutlich, daß der Gewaltbegriff im Sport gebunden ist an die jeweilige Ausübungsform des Sportes, der Sportart.

Fortsetzung folgt……

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